Grand Cru ist nicht gleich Grand Cru. Während die Bezeichnung in Saint-Émilion Teil der Appellation ist und von zahlreichen Weingütern geführt wird, steht ein Grand Cru Classé aus Saint-Julien für die berühmte Bordeaux-Klassifikation von 1855. Zwei Weine können also das Wort „Grand Cru“ auf dem Etikett tragen und dennoch aus völlig unterschiedlichen Qualitätssystemen stammen.

Trotzdem reizte mich der direkte Vergleich. Auf der einen Seite Château Cantin Saint-Émilion Grand Cru 2023, ein merlotgeprägter Vertreter vom rechten Ufer. Auf der anderen Seite Château Langoa Barton 2020, ein klassifizierter Saint-Julien vom linken Ufer mit deutlicher Cabernet-Prägung.

Der Vergleich verspricht mehr als nur unterschiedliche Rebsortenanteile. Merlot und Cabernet Sauvignon reagieren unterschiedlich auf Klima, Böden und Ausbau. Während Saint-Émilion häufig für seine rundere, fruchtbetonte Art bekannt ist, stehen die klassischen Gewächse aus Saint-Julien eher für Struktur, Frische und eine präzise Tanninarchitektur.

Mit diesen Erwartungen wanderten beide Weine ins Glas.

Château Cantin Saint-Émilion Grand Cru 2023

Nase:
In der Nase zeigt sich zunächst klare Brombeere, begleitet von dunkler, reifer Frucht. Dazu gesellt sich eine Anmutung von überreifer, leicht zerdrückter Pflaume, stellenweise fast an Tomatenmark erinnernd. Würzige Noten von Tabakkiste verleihen zusätzliche Tiefe, während dezente Röstaromen und ein Hauch Mokka den Gesamteindruck abrunden.

Gaumen:
Am Gaumen präsentiert sich der Wein vollmundig, getragen von sehr reifen und polierten, zugleich gut spürbaren Tanninen. Die dunkle Frucht bleibt präsent und verleiht dem Wein Fülle und Kontur. Trotz seiner Dichte wirkt er harmonisch und strukturiert.

Abgang:
Langer, fruchtbetonter Abgang mit anhaltender dunkler Beerenfrucht. Die reife Tanninstruktur bleibt präsent und sorgt für Länge und Nachhall.

Château Langoa Barton Saint-Julien Grand Cru Classé 2020

Nase:
Cassis steht klar im Vordergrund, begleitet von dunkler Frucht und einer kühlen, mineralischen Note. Mit etwas Luft entwickeln sich Anklänge von Graphit sowie eine feine harzige Würze, die an Kiefernnadeln und Nadelholz erinnert.

Gaumen:
Am Gaumen zeigt sich der Wein strukturiert und ausgewogen. Die Frucht bleibt eher zurückhaltend und wird von einer ausgeprägten mineralischen Ader getragen. Die Säure wirkt gut eingebunden und tritt nicht in den Vordergrund. Samtige Tannine verleihen dem Wein eine ruhige, geschliffene Textur.

Struktur:
Die Mineralität prägt den Gesamteindruck und verleiht dem Wein Tiefe und Spannung. Trotz seines eher kühlen Charakters wirkt er nicht streng, sondern besitzt eine angenehme innere Wärme und Ausgewogenheit.

Abgang:
Langer Nachhall mit Cassis, Graphit und mineralischen Noten. Die Frucht klingt langsam aus, während die würzigen und steinigen Komponenten lange präsent bleiben.

Gesamteindruck:
Ein eleganter, von Mineralität geprägter Saint-Julien, dessen Stärke weniger in opulenter Frucht als in seiner Ruhe, Präzision und der Verbindung aus Cassis, Graphit und feinkörniger Struktur liegt.

Beide Weine zeigen eindrucksvoll, wie unterschiedlich Bordeaux trotz ähnlicher Qualitätsbegriffe auftreten kann. Während Château Cantin seine Stärke in dunkler Frucht, Fülle und reifer Tanninstruktur findet, setzt Château Langoa Barton stärker auf Mineralität, Präzision und die klassische Eleganz eines Saint-Julien.