„Was will ich an diesem Abend mit meinen Freunden trinken? Was kochen wir?
Machen wir es doch nicht so kompliziert und fangen wir mit dem Wein an, der Rest wird sich schon finden. – So ungefähr läuft es bei uns oft ab. Und heute haben wir Lust auf einen Merlot. Eine immer noch sehr unpräzise Entscheidung. Woher soll der edle Tropfen stammen? Und aus welchem Jahrgang?

Im Zweifelsfall gilt bei mir immer – wenn du nicht genau weißt, was du willst – nimm Saint-Émilion.

Im Keller habe ich 4 Flaschen aus der Region und eine weitere aus Castillon hat sich dazugesellt.

Castillon Côtes de Bordeaux ist eine separate AOC östlich von Saint-Émilion. Die Rebflächen schließen direkt aneinander an – viele Weinberge in Castillon liegen praktisch auf derselben Kalksteinformation wie das östliche Plateau von Saint-Émilion.

Also stehen auf dem Tisch Château Montlandrie 2019, Château Franc Mayne 2020, Château Saintayme 2022, Château Haut Brisson 2019 und Château Côte de Baleau 2019. Dazu gebratene Ente.

2019 – Balance aus Reife und Frische


Ein Jahrgang mit reifer Frucht, aber erstaunlicher Präzision.
Die 2019er zeigen dunkle Kirsche, Pflaume, teilweise Lakritzanklänge, dazu geschliffene Tannine und eine tragende, aber integrierte Säure.
Montlandrie wirkt dabei etwas kraftvoller und direkter. Haut Brisson bringt Substanz und Würze.
Côte de Baleau zeigt sich besonders poliert – dunkelfruchtig, elegant, mit sehr feinmaschiger Struktur und langem, ruhigem Abgang.
Gerade zur Ente funktioniert diese Kombination aus Reife und Frische hervorragend: genug Tiefe für das Fleisch, genug Spannung für den nächsten Bissen.

2020 – Konzentration und Präzision


Franc Mayne 2020 repräsentiert einen Jahrgang mit Dichte und Klarheit.
Die Weine sind strukturiert, oft etwas vertikaler, mit präziser Frucht und strafferem Gerüst. Hier spielt die kalkige Frische besonders deutlich mit.
Zur Ente wirkt das fast aristokratisch – weniger weich, mehr Kontur.

2022 – Reife mit Energie


Saintayme 2022 stammt aus einem warmen Jahr, zeigt aber dank Kalkstein erstaunliche Frische.
Saftige dunkle Frucht, zugängliche Textur, feinkörnige Tannine. Der Wein ist offener, unmittelbarer, mit viel Trinkfluss. Er bringt die Frucht in den Vordergrund – weniger Strukturstudie, mehr Charme.

Also ist Merlot vom rechten Ufer kein Synonym für Weichheit. Und die Vielfalt, die man dabei erlebt, macht es immer aufs Neue spannend.

In meinem Notizbuch habe ich diesmal dieses Fazit gezogen:

Montlandrie – kraftvoll und strukturiert
Côte de Baleau – klassisch und poliert
Franc Mayne – wirkt konzentriert und vertikal
Saintayme – fruchtbetont und zugänglich

P.S. Vertikal bedeutet im Verkoster-Jargon die Wahrnehmungsrichtung der Struktur im Mund. Man hat das Gefühl, der Wein steigt auf und streckt sich – nicht, dass er sich im Mund ausbreitet.