Wieder sitze ich mit dem aufgeschlagenen Großen Weinatlas von Hugh Johnson und Jancis Robinson – diesmal, um mich nach der Rebsorte Mourvèdre zu erkundigen. Diese Rebe hat mich beim Teusner 2021 mit 100 % Mataró (Mourvèdre) verblüfft und fasziniert.
Auch wollte ich weitere Weine aus Mataró pur verkosten, fand jedoch keinen auf die Schnelle. Vielleicht war das gut so – denn der Weg, den ich gegangen bin, führte mich zu wertvollen Erkenntnissen.

Aber zurück zum Weinatlas – die erste Erwähnung der Traube findet man zunächst im Kapitel über das südliche Rhône-Tal. Dort heißt es:

„Fast immer in bunter Mischung braten die Trauben in der Sonne auf breiten Terrassen voll glatter, runder Steine. Im Süden ist der vielseitige Grenache die Hauptsorte für Rotwein. Sie wird immer mehr durch Syrah und Mourvèdre ergänzt.“

Das Buch erschien 2001 – seitdem hat sich in der Rhône und in der Welt des Weinbaus vieles bewegt. Dennoch hat dieser Satz nichts von seiner Gültigkeit verloren: Mourvèdre bleibt bis heute eine Sorte, die selten im Vordergrund steht, in Blends jedoch Struktur, Würze und Tiefe einbringt.
Umso mehr freue ich mich über meine eigene, abweichende Erfahrung mit purem Mataró aus dem Jahr 2021.

Lohnt sich da nicht ein Blick auf diese Rebsorte – nicht als Hauptfigur, sondern als prägende Note im Ensemble? Aus dieser Neugier heraus entstand meine kleine Vergleichsverkostung: dieselbe Rebsorte in unterschiedlichen Kontexten – einmal im Süden Frankreichs, einmal auf der anderen Seite der Welt, im Barossa Valley in Australien.

Teusner Avatar 2022 – Barossa Valley

Der Avatar, eine Cuvée aus Grenache, Mataró und Shiraz, zeigt, wie klar und präzise die Rebsorte in Australien eingebunden werden kann. Im Glas wirkt der Wein frisch und lebendig, mit einer Frucht, die an Wald-Erdbeeren, rote Johannisbeeren und feine Kräuter erinnert. Die Säure ist präsent, doch glatt und kühl, was die Frucht noch leuchtender erscheinen lässt.

Neben der Frische treten würzige und erdige Nuancen hervor, begleitet von einer zarten floralen Note. Die Tannine sind fein und straff, geben Kontur, ohne zu dominieren. Dieser Eindruck deckt sich in vielem mit den Beschreibungen von Kritikern, die den Wein für seine Balance und Fruchtklarheit loben – wobei in der Verkostung spürbar wird, dass Mataró hier nicht laut, sondern tragend wirkt: Er hält den Wein zusammen, strukturiert ihn und verleiht ihm Tiefe.

Domaine Saint Damien 2023 – Plan de Dieu Vieilles Vignes

Grenaches | Carignan | Mourvedre

In der südlichen Rhône zeigt sich Mourvèdre – hier als kleiner, aber wesentlicher Anteil – in einem ganz anderen Umfeld. Der Saint Damien Plan de Dieu ist ein klassischer Grenache-dominierter Wein, gereift in Beton, mit einer warmen, reifen Frucht.
Im Duft treten marmeladige Erdbeeren, Himbeeren, schwarze Kirschen und ein Hauch Lakritze hervor. Dahinter liegen Noten von Garrigue-Kräutern und etwas Pfefferwürze. Die Säure bleibt dezent, die Tannine weich – das Mundgefühl ist rund und harmonisch.

Auch hier findet man sich bei den Kritikerbeschreibungen wieder: „juicy fruit, fine-grained tannins, spicy finish“. Doch beim Probieren zeigt sich, dass der Wein weniger auf Struktur als auf Fülle setzt. Mourvèdre gibt hier nicht die Richtung vor, sondern verleiht dem Blend seinen würzigen Nachhall und eine subtile Tiefe im Abgang.

Zwei Regionen, eine Rebsorte – und viele Ausdrucksformen

Im direkten Vergleich offenbart sich, wie unterschiedlich Mataró/Mourvèdre klingen kann.
In Barossa – kühlere Nächte, kontrollierter Ausbau, Fokus auf Frische – steht Präzision im Vordergrund.
In der Rhône – mediterranes Klima, alte Reben, Betonreifung – zeigt sich Wärme und Saftigkeit.

Beide Weine verdeutlichen, dass Mataró nicht zwingend dominieren muss, um präsent zu sein. Er ist die leise Stimme, die Tiefe und Rhythmus gibt, die Frucht zusammenhält und Struktur formt.