Chianti Classico und Rosso di Montalcino im Vergleich
Sangiovese ist Italiens prägendste Rebsorte – und zugleich eine der wandelbarsten. Kaum eine andere Sorte reagiert so sensibel auf Herkunft, Mikroklima und Ausbauphilosophie. Besonders deutlich wird das im direkten Vergleich innerhalb der Toskana.
Meine Neugier gilt heute reinsortigen Sangiovese-Weinen aus renommierten Herkunftsgebieten. In diesem Artikel nehme ich ihre stilistische Auslegung unter die Lupe und verkoste drei Weine gegeneinander.
Die Weine im Überblick
- Fèlsina – Berardenga 2022, Chianti Classico DOCG
- Castelli del Grevepesa – Chianti Classico Gran Selezione DOCG, Panzano
- Col d’Orcia – Rosso di Montalcino 2023
Alle drei Weine bestehen zu 100 % aus Sangiovese. Unterschiede entstehen nicht durch die Rebsorte selbst, sondern durch Terroir, Reifegrad und Ausbau.
Chianti Classico aus Castelnuovo Berardenga: Präzision und Spannung
Der Berardenga von Fèlsina steht exemplarisch für einen klassischen, eher kühlen Chianti-Classico-Stil. Hier herrscht die rotfruchtige Aromatik – Sauerkirsche, rote Johannisbeere –, flankiert von Veilchen, Kräutern und feinen erdigen Noten.
Am Gaumen zeigt sich der Wein:
- mittelkörperig,
- mit straffer, tragender Säure,
- feinkörnigem, linearem Tannin.
Der Fokus liegt klar auf Frische, Transparenz und Herkunft. Holz spielt eine untergeordnete Rolle. Der Abgang wirkt saftig und würzig-herb, ohne Schwere.
Stilistisch: klassisch, präzise, spannungsbetont.
Panzano und Gran Selezione: Tiefe, Reife, Struktur
Ganz anders präsentiert sich der Gran Selezione aus Panzano von Castelli del Grevepesa. Die Herkunft aus der Conca d’Oro bringt mehr Wärme und Konzentration mit sich, was sich deutlich im Glas widerspiegelt.
Nase:
- dunklere Frucht (schwarze Kirsche, Pflaume),
- Leder, Tabak und süße Gewürze,
- ein spürbarerer Holzeinsatz.
Am Gaumen:
- voller Körper,
- reife, dichte Tannine,
- Säure gut eingebunden, weniger prägend als im klassischen Chianti Classico.
Der Abgang ist lang, würzig und balsamisch. Hier geht es weniger um Spannung als um Tiefe und Eindruck.
Stilistisch: kraftvoll, strukturiert, reif.
Rosso di Montalcino: Zugänglichkeit und Wärme
Der Rosso di Montalcino von Col d’Orcia stammt ebenfalls aus 100 % Sangiovese, allerdings aus einem deutlich wärmeren Umfeld. Im Vergleich zum Chianti Classico zeigt sich der Wein offener und runder.
Nase:
- reife Kirsche,
- getrocknete Kräuter,
- dezente Tabak- und Erdnoten.
Strukturell ist der Rosso:
- mittelkörperig,
- mit zugänglichen, reifen Tanninen,
- einer präsenten, aber weicheren Säure.
Der Wein ist auf frühen Trinkgenuss ausgelegt und wirkt harmonisch, ohne Komplexität zu erzwingen. Stilistisch: ausgewogen, fruchtbetont, früh zugänglich.
Sangiovese und sein Terroirausdruck
Ein direkter Vergleich macht schnell klar, wie unterschiedlich Sangiovese auftreten kann, obwohl die Rebsorte identisch ist:
- Chianti Classico (Berardenga) steht für Frische, Säure und Präzision.
- Chianti Classico Gran Selezione (Panzano) für Dichte, Struktur und Reife.
- Rosso di Montalcino für Wärme, Frucht und Zugänglichkeit.
Am Ende macht nicht einfach die Rebsorte den Unterschied, sondern Herkunft und Handschrift des Winzers. Und genau das kann man bei einer Verkostung wunderbar schmecken.
