Liebe Freunde des gepflegten Bordeaux, geschätzte Kundinnen und Kunden,

wie Sie es von mir erwarten dürfen, habe ich auch in diesem Jahr wieder an den Primeurproben teilgenommen, um Ihnen meine Meinung und Wahrnehmung möglichst genau zu vermitteln.
Zu Beginn der Verkostungstour stand in diesem Jahr die Probe im Hangar 14 am Ufer von BordeauxCity. Auf keiner anderen Probe ist es dem Fachpublikum möglich, so umfassend durch die einzelnen Appellationen zu verkosten und zu vergleichen. Ich war völlig unvoreingenommen und offen, den Jahrgang auf mich einwirken zu lassen.

Zu Beginn testete ich mich durch die trockenen Weißweine aus Pessac-Léognan und Graves. Was mir schnell klar wurde: Wir haben es mit einem wärmeren Jahrgang zu tun. Nicht, weil die Weißweine etwa Frische vermissen ließen, sondern weil die Frucht der Weine in diesem Jahr etwas weniger kühle und grasige Nuancen zeigte. Vielmehr war es diese reife und fast schon cremig
wirkende Frucht am Gaumen, die mir auf Anhieb das Verkosten leicht machte. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Die Weine sind frisch und vital, keine Frage. Aber sie sind eben nicht von dieser rassigen und lebendigen Säure durchzogen, wie es noch im Jahr zuvor der Fall war. Übrigens kann ich Ihnen berichten, dass mit 2024 ein paar ganz tolle Weißweine auf Sie zukommen werden. Hin und wieder standen diese Weine bereits zur Verkostung und zum Genuss zur Verfügung – ob beim Mittagessen auf einem der Châteaux oder bei der UGCB, immer wieder wurden uns diese Weine angeboten. Und genau darin liegt eigentlich der wirkliche Unterschied bei den Weißweinen: Die 2025er sind mit mehr Struktur und reiferen Fruchtaromen ausgestattet.

Nachdem ich mich dann mit einigen Weinen aus Pomerol und Saint-Émilion an die Rotweine herangemacht hatte, wurde mir schnell klar, dass es wieder ein Jahrgang der besonderen Terroirs und Mikroklimata werden würde. Denn Weine, die aus einem warmen Jahr stammen, können ohne die entsprechende Versorgung der Rebstöcke unmöglich diese Tiefe und Intensität zeigen. Sie müssen also über das warme Jahr hinweg gut versorgt gewesen sein.

Wie ich später aus den Erläuterungen heraushörte, lag das Geheimnis in der guten Wasserversorgung der Böden aus dem Frühjahr heraus. Die Böden waren gut versorgt und hatten ihre Speicher auffüllen können. Auch die verhältnismäßig kühlen Nächte verhalfen den Reben dazu, am nächsten warmen Tag wieder aufgeladen zu sein. Gleichzeitig führten diese kühlen Nächte zu jener frischen und raffinierten Säure, die viele Weine auszeichnet.

Es war zwar nicht das einzige Geheimnis des Jahrgangs 2025, aber sicherlich ein sehr wichtiges. Auch der so wichtige Niederschlag im letzten Drittel des August kam genau zur richtigen Zeit – für Winzer wie für Reben. Denn wäre dieser Regen ausgeblieben, würde ich Ihnen nun von einer ganz anderen Geschichte berichten. Die Beeren drohten zu hohe Alkoholwerte zu entwickeln, bei gleichzeitig zu wenig Saft in den Beeren. Wir hätten Weine mit mindestens einem Volumenprozent
mehr Alkohol gehabt, und für viele Winzer wäre der ohnehin niedrige Ertrag des Jahres noch dramatischer ausgefallen, als er es schlussendlich war.

Somit zeigen sich die Weine mit Alkoholwerten um 13 bis 14 Prozent, teilweise sogar unter 13 Prozent, wie es zum Beispiel bei Lafite mit 12,5 Prozent und Cheval Blanc mit 12,7 Prozent der Fall ist. 2025 ist kein Jahr mit hohen Erträgen, aber vielleicht mit genau der richtigen Menge an Wein. Denn wie wir alle wissen, gibt es aktuell keinen Mangel an Weinangeboten.

Somit wechselte ich auch einmal das Ufer und testete zunächst vorsichtig die Weine aus Saint-Julien, Saint-Estèphe und Pauillac. Hier berauschten mich die Rotweine zum ersten Mal mit diesem knackig frischen Cabernet, der von den steinigeren Böden mit ihrer Kühle und zart blumigen Tiefe zu berichten wusste.

In Margaux angekommen, verkostete ich die wohl homogenste Appellation. Die Weine von Kirwan, Cantenac Brown, Brane-Cantenac, Lascombes – man könnte sie alle aufzählen – trafen mich wie eine Faust im Samthandschuh.

Die Weine hatten jene Tiefe und Reife, wie man sie sich als Bordeaux-Fan nur wünschen kann, und trotzdem trugen sie diese Frische und Saftigkeit in sich, wie sie sich die Winzer schon seit Jahren wieder wünschen. Es geht darum, die Weine von ihren Terroirs sprechen zu lassen, die das ganze Jahr über gehegt und gepflegt wurden – und nicht vom stärksten Toasting des Holzes oder den massivsten Gerbstoffen. Die Weine laden einfach dazu ein, sie schon bald genießen zu wollen.
Was ich Ihnen ebenfalls an dieser Stelle mitteilen möchte: Ich bin noch nie so entspannt und unangestrengt durch eine Verkostungswoche gekommen, wie es mir dieser Jahrgang möglich gemacht hat. Es mag am ausgereiften und klaren Stil der Weine liegen, die, wie gesagt, ohne zu starkes Rösten der Barriques auskommen. Vielmehr ist es diese Floralität im Duft, die sich so gut mit der Frische der reifen Weinsäuren verbindet.
Von niedrigen pH-Werten berichteten viele Châteaux bei der Präsentation ihrer Weine. Dies ist auch deshalb erfreulich, weil wir mit Sicherheit nicht auf Lagerfähigkeit bei den 2025er-Weinen verzichten werden müssen.

Ob 2025 ein wirklich großes Jahr ist oder wird, sollte sich für mich im weiteren Verlauf der Verkostungswoche zeigen.
Am Montagnachmittag besuchte ich noch Domaine de Chevalier, Smith Haut Lafitte, Les Carmes Haut-Brion sowie La Mission Haut-Brion.

Ich darf Ihnen auch in diesem Jahr berichten: Es gibt kein Rütteln an diesem Klassement. Für mich steht Les Carmes Haut-Brion wieder einmal vor allen anderen Weinen aus Pessac und Graves an der Spitze, wenn auch der Abstand zu Smith Haut Lafitte, La Mission Haut-Brion und Haut-Brion in diesem frühen Stadium nicht allzu deutlich ist. Die Singularität, die Les Carmes Haut-Brion
einzufangen weiß, ist einfach einzigartig – auch in diesem Jahr.
Auf dem linken Ufer findet sich neben herausragenden Weinen wie Château Margaux und Las Cases ein so gut gefülltes Spitzenfeld, das eng zusammengerückt ist. Es braucht daher einfach noch ein bisschen Zeit, dies im Verlauf der Kampagne näher auszuführen.
Auf dem rechten Ufer ist die Spitze vielleicht noch etwas breiter gefächert. Auch hier führen gleich beide Grand Cru Classé A die Liste an. Direkt dahinter folgt jedoch ein ganzes Feld an Pomerol-Weinen. Pomerol ist, im Ganzen betrachtet, vielleicht – ähnlich wie Margaux auf dem linken Ufer – die Appellation mit dem höchsten und durchgängigsten Qualitätsniveau.

Bei den kleineren Weinen des Médoc auf dem linken Ufer sowie den Weinen der Satellitenappellationen auf dem rechten Ufer zeigt sich der Abstand zur Spitze auch in diesem Jahr recht deutlich. Das muss wohl auch so sein, werden Sie jetzt völlig zu Recht sagen. Warum ich es dennoch erwähne, hat folgenden Hintergrund: Meist heißt es ja, man solle in großen Jahren gezielt
zu den kleineren Weinen greifen. Diesen an sich klugen Rat möchte ich Ihnen in diesem Jahr jedoch nicht uneingeschränkt weitergeben.

Denn genau hierin liegt meines Erachtens ein wesentlicher Punkt, weshalb 2025 vielleicht nicht ganz zu den legendären Jahren zählen wird. Die durchgehende Stärke über alle Unterregionen hinweg ist dafür nicht ausgeprägt genug – wenngleich wir eine Vielzahl bemerkenswerter, teils sogar herausragender Weine gesehen und verkostet haben. Und gerade darin liegt die Chance: Wer genauer hinschaut, wird auch in diesem Jahr auf eine Reihe höchst lohnenswerter Entdeckungen stoßen.

 

Was gibt es in diesem Kontext also festzuhalten?
Insgesamt halte ich den Jahrgang qualitativ für sehr stark. Die Weine wirkten elegant, ausgewogen, aromatisch reich und klar – fast schon mühelos in ihrer Stilistik. Auch 2025 ist ein Jahrgang der Terroirs. Für mich ist es ein Jahrgang, der sowohl viel Trinkfreude bietet als auch Reifefähigkeit mitbringt. Besonders Margaux und Pomerol haben mich persönlich überzeugt.
Sollten sich die Preise tatsächlich auf einem moderaten Niveau bewegen, wie ich es in diversen Gesprächen heraushören konnte, schätze ich den Jahrgang als besonders attraktiv ein. Die Preise sollten sich zwischen 2024 und 2023 bewegen, was aus Konsumentensicht eine gute Nachricht ist.

Schon Bald werde ich hier meine ersten Verkostungsnotizen veröffentlichen, damit Sie sich ein wenig einlesen können. Die ersten sind bereits da.

 

 

Christian Balog

Verkostungsnotizen